„Brennnessel in der Apotheke“ (Interview)

Die Wurzeln der Pharmazie liegen in der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM), der „Heilkunde unseres Biotops“. Bei der Recherche für mein aktuelles Buch über die Brennnessel führte ich das Experten-Interview mit Margit Schlenk, Fachaporthekerin für Phytotherapie und habe viele wichtige Tipps und Hintergrundinformationen bekommen … dabei etliches Praxiswissen, das man so in den üblichen Artikeln nicht findet.

Frage: Frau Schlenk, die Brennnessel ist die wichtigste Heilpflanze der Volksmedizin. Wo liegen die Stärken der Brennnessel aus Sicht des Pharmazeuten?
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Experten-Interview: „Brennnessel in der Naturkosmetik“

Naturkosmetik-Bloggerin Inés Hermann hat 35 Jahre Erfahrung in der Herstellung von Naturkosmetik aus frischen Kräutern. Sie experimentiert täglich, veröffentlicht ihre Rezepte jede Woche in einem Kräuterblog und hat darüber hinaus vier Rezeptbücher verfasst. Für die Wirksamkeit ihrer Rezepte ist sie selbst der beste Beweis: Ihre Erscheinung lässt vermuten, dass diese Frau das Geheimnis ewiger Jugend und Schönheit entdeckt hat. Sie wird uns in diesem Buch einige schnelle, erprobte Brennnessel-Rezepte für unsere Schönheit verraten. Warum es sich lohnt, Produkte zur Schönheitspflege selbst herzustellen, worauf man dabei achten sollte – speziell bei der Kunst des Seifensiedens, die als die Königsdisziplin der Naturkosmetik bezeichnet werden darf – und welche Rolle die Brennnessel im Beauty-Bereich spielt, das erläutert sie im folgenden Interview.

In der Küche und in der Heilkunde gilt die Brennnessel als Universalgenie … Wie stehst du zur Brennnessel? Sie gilt im Erstkontakt ja als wenig hautfreundlich …

Inés (staunend): Für mich ist die Brennnessel eine kosmetische Pflanze, weil sie für die Haut so viel hergibt. Ich glaube nicht, dass ich ein einziges Shampoo ohne Brennnessel herstelle. Für die Kopfhaut gibt es einfach nichts Besseres. Vielleicht noch die Birke …!

Mit Brennnessel und Birke Kosmetika selbst herstellen, das hört sich so einfach an und die Kräuter sind ja auch kostenlos … Aber findet man heutzutage überhaupt noch Zeit dafür?

Das Sammeln ist ein wunderbarer Spaziergang, auch für die Seele … Und länger als 10 bis 20 Minuten sollte es nicht dauern, sich seine Kosmetik mit frischen Zutaten aus der Natur selbst herzustellen. Wenn ich in die Stadt fahre, brauche ich länger, um einen Parkplatz zu finden. Alles spricht dafür, selbst aktiv zu werden: Man hat ein gutes Gewissen, ein gutes Gefühl auf der Haut und keine „ungeliebten“ Zusatzstoffe.

Bei gekauften Schönheitsprodukten ist es ja heute gar nicht mehr so einfach, zu wissen und zu verstehen, was da alles drin ist …

Genau. Man kann es sich aber einfach machen, indem man sich seine Kosmetik selbst herstellt. Bei der industriellen Herstellung von Kosmetik wird eine Vielzahl von Zusatzstoffen verwendet, die für die Nicht-Fachfrau unüberschaubar und unbekannt sind. Stelle ich meine Kosmetik selbst her, kann ich mir aussuchen, was hineinkommt. Ich lebe vegetarisch, verwende daher nur pflanzliche Öle und Fette. Kräuter, Blüten, Samen und Hölzer verleihen selbst hergestellter Kosmetik nicht nur ein charakteristisches Aussehen und einen individuellen Duft, sie steuern auch Wirkstoffe bei, die Leib und Seele wohl tun.

Ja, das alles sind gute Gründe. Aber mal ganz ehrlich, spazierst du aus diesem Grund morgens früh um sieben durch das taufrische Gras, um Kräuter zu sammeln?

Natürlich gibt noch einen anderen Grund und das ist der wesentliche: Wenn du Naturkosmetik kaufst, entgeht dir das Wesentliche. Mit meinen Rezepten fange ich den Duft der Jahreszeiten ein. Wenn ich z. B. im Frühjahr die ersten Brennnesseln zu Seife verarbeite, begleitet mich dieser Frühlingsspaziergang durchs ganze Jahr. Die Seife enthält eine ganz eigene Magie, die bei jedem Gebrauch aufs Neue freigesetzt wird …

Welche besonderen Tricks gibt es für die Verwendung von frischen Kräutern direkt von der Wiese?

An und für sich gelten hier die gleichen Regeln wie beim Sammeln von Pflanzen für den Verzehr. Ernte nur, was du auch wirklich kennst. Bei der Brennnessel ist Verwechslungsgefahr ja ausgeschlossen . Man erntet nur ihre jungen, obersten Blätter, die einfach sauber sind. Für Tees und Kosmetik werden die Pflanzen nicht gewaschen, das ist übrigens auch im Handel so. Dabei würden zu viele Wirkstoffe verloren gehen.

Und wie funktioniert das Herstellen von Kosmetika mit frischen Kräutern in der Praxis?

Für die Kosmetikherstellung werden die heilkräftigen Wirkstoffe der Kräuter vor allem in Öl extrahiert. Man nennt das Mazerat. Dieses Öl ist eine hervorragende Grundlage für wertvolle Emulsionen. Andere Kräuter lösen ihre Wirkstoffe gut in Wasser. Ob als Abkochung, durch Dampfdestillation oder als Kaltauszug. Bei der Brennnessel kann man beide Techniken anwenden, sie extrahieren jeweils etwas andere Wirkstoffe besonders gut. In einer Tinktur werden ihre alkohol- und die wasserlöslichen Inhaltsstoffe in Alkohol gelöst und dabei konserviert. Die Heilkraft wird so über viele Monate hinweg bewahrt.[1] [mk1]

Hört sich eigentlich einfach an. Seifensieden – und das ist ja deine Leidenschaft – stelle ich mir da etwas komplizierter vor. Gibt es etwas, was man dabei unbedingt beachten muss?

Wichtig sind die Sicherheitsvorschriften![2] Gerade das Seifenmachen ist sehr komplex. Ich habe meine Rezepturen mit meinem Sohn, der Chemiker ist, auf der Basis alter Literatur erarbeitet. Und da wären wir beim nächsten Punkt: Seifenherstellung ist immer ein chemischer Prozess. Seifenrezepte sind Präzisionsarbeit …

Man kann Seifen-Rezepturen also nicht so einfach nach Geschmack abändern wie Kochrezepte?

Nein. Und das ist vermutlich der Grund, warum es im Internet so viele Rezepte gibt, die nicht funktionieren. Man muss mit höchster Präzision vorgehen, peinlich genau abwiegen. Darum sind auch die flüssigen Zutaten für meine Rezepte in Gramm angegeben und nicht in Millilitern. Die Haushalts-Messbecher sind hierfür nicht präzise genug.

Gibt es sonst noch etwas, was man unbedingt wissen sollte, bevor man mit dem Seifensieden beginnt?

Du musst ein Gefühl für die Rezeptur bekommen – für das Zusammenspiel von Temperatur, Konsistenz und Zeit. Die ersten drei bis vier Seifen, die man selbst macht, sind immer ein Experiment. Danach kennt man sich aus … Aber keine Sorge, es ist einfacher, als es sich jetzt anhört.

Würdest du uns einige Brennnessel-Rezepturen verraten, die sich bewährt haben? Und die auch für Ungeübte einfach herzustellen sind … in 20 Minuten vielleicht?

Gern. Ich hatte da ja in meiner Familie ein breites Experimentierfeld. Als meine Jungs in der Pubertät waren, wirkte Brennnessel-Salz-Peeling kleine Wunder. Mein Vater schwört auf die Brennnesselseife, er hat Probleme mit der Durchblutung in den Beinen und eine sehr empfindliche Kopfhaut, da er nicht mehr viele Haare hat.

Link-Empfehlungen:

>> Ines Hermanns Naturkosmetiik-Blog  www.siedekessel.blogspot.de